„Darf ich in meiner Bachelorarbeit ‚ich‘ schreiben?“ – Diese Frage stellen Studierende fast täglich in Schreibberatungen. Dahinter steht eine tiefe Verunsicherung darüber, ob wissenschaftliche Texte im Passiv oder Aktiv geschrieben werden sollten. Die Antwort ist komplexer als ein simples „Ja“ oder „Nein“ – und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die Unterschiede.
Dieser Artikel zeigt dir, wann Passiv und wann Aktiv in wissenschaftlichen Texten angebracht ist, warum der Mythos „Wissenschaft muss passiv sein“ überholt ist und wie du bewusst zwischen beiden Formen wählst.
🔑 In diesem Artikel erfährst du:
Warum der Mythos „Wissenschaft muss passiv sein“ überholt ist
Lange galt die Regel: Wissenschaftliche Texte werden im Passiv geschrieben. Statt „Ich untersuchte 50 Proband*innen“ hieß es „Es wurden 50 Proband*innen untersucht.“ Der Gedanke dahinter: Wenn niemand als handelnde Person sichtbar wird, wirkt der Text neutraler und die Forschung objektiver.
Diese Vorstellung ist aus mehreren Gründen problematisch. Objektivität entsteht nicht durch Passiv-Formulierungen, sondern durch transparente Methoden, nachvollziehbare Argumentation und ehrliche Darstellung von Limitationen. Passiv verschleiert zudem Verantwortung: „Es wurde festgestellt, dass…“ – von wem? Forschende treffen Entscheidungen und ziehen Schlüsse; diese Verantwortung sollte sichtbar bleiben. Darüber hinaus ist moderne Wissenschaft zunehmend reflexiv – gerade in qualitativer Forschung gehört es dazu, die eigene Rolle und Perspektive offenzulegen.
Der Trend in aktuellen Schreibratgebern und Stilhandbüchern geht entsprechend zu einem bewussten Mix aus Aktiv und Passiv – mit einer Präferenz für Aktiv, wo immer es die Klarheit erhöht.
Passiv erzeugt keine Objektivität. Transparente Methoden und nachvollziehbare Argumentation tun es. Der Trend geht zu einem bewussten Mix beider Formen.
Wann Passiv sinnvoll ist – und wann Aktiv die bessere Wahl
Passiv hat seine Berechtigung
Trotz aller Kritik gibt es drei klare Anwendungsfälle, in denen Passiv die funktional bessere Wahl ist.
Wenn die Handlung wichtiger ist als die Handelnden: In naturwissenschaftlichen oder technischen Beschreibungen spielt es oft keine Rolle, wer etwas getan hat – nur, was geschah. „Die Lösung wurde auf 80°C erhitzt“ ist hier die natürliche Formulierung.
Bei standardisierten Methodenbeschreibungen: „Die Daten wurden mittels deskriptiver Statistik ausgewertet“ legt den Fokus auf das Verfahren – was bei etablierten Methoden angemessen ist.
Wenn dein Fachbereich es verlangt: Manche Betreuer*innen oder Fachkulturen bestehen auf Passiv. In diesem Fall halte dich an die Konvention – versuche aber trotzdem, nicht ausschließlich im Passiv zu schreiben.
Aktiv macht Texte klarer
In drei Situationen ist Aktiv die deutlich bessere Wahl:
Bei eigenen Forschungshandlungen: Wenn du beschreibst, was du selbst getan hast, ist Aktiv die transparentere Form. „Ich führte 15 Interviews durch und analysierte sie nach der qualitativen Inhaltsanalyse“ zeigt klar, wer gehandelt hat.
Bei Argumentation und Positionierung: Wer argumentiert, positioniert sich. Das sollte sichtbar sein: „Ich argumentiere, dass…“ oder „Diese Arbeit vertritt die These, dass…“ statt des verschleiernden „Es wird die Position vertreten, dass…“
Bei Interpretation: Zeig, dass du eine Deutung vornimmst: „Ich interpretiere diese Aussage als Hinweis auf ein Machtgefälle“ ist klarer als „Diese Aussage wird als Hinweis interpretiert“ – bei dem unklar bleibt, von wem.
Passiv für Methodenbeschreibungen und wenn die Handlung im Vordergrund steht. Aktiv für eigene Forschungshandlungen, Argumentation und Interpretation.
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Wer sich für Aktiv entscheidet, stößt schnell auf eine Folgefrage: Wenn nicht mehr „es wurde untersucht“ dasteht, sondern eine handelnde Person sichtbar wird – darf diese Person dann „ich“ sein? Die Frage nach der Ich-Perspektive ist keine separate Stilentscheidung, sondern die logische Konsequenz des Aktiv-Schreibens.
Die Ich-Perspektive: Was dein Fachbereich dazu sagt
Die meistgestellte Frage lautet: „Darf ich ‚ich‘ schreiben?“ Die Antwort hängt von deiner Disziplin ab – aber die Tendenz geht eindeutig in Richtung „Ja“.
Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften: Hier ist die Ich-Form zunehmend üblich, besonders in qualitativer Forschung. Sie signalisiert Reflexivität und Transparenz. Formulierungen wie „Meine Analyse zeigt…“ oder „Ich gehe davon aus, dass…“ sind in vielen Fachbereichen etabliert.
Naturwissenschaften (MINT): Hier wird Passiv noch häufig bevorzugt, weil der Fokus auf Methoden und Ergebnissen liegt. Allerdings setzen sich auch hier Aktiv-Konstruktionen durch – oft im Plural: „Wir fanden heraus, dass…“
Rechtswissenschaften und klassische Philologien: Eher unüblich. Hier dominieren unpersönliche Formulierungen.
So findest du die Konvention deines Fachs
Lies zwei bis drei aktuelle Abschlussarbeiten aus deinem Fachbereich und achte darauf, wie Aktiv, Passiv und die Ich-Form verwendet werden. Schau in Fachzeitschriften deiner Disziplin und frag deine*n Betreuer*in explizit: „Darf ich ‚ich‘ schreiben?“ Auch die Schreibberatung deiner Hochschule kann hier weiterhelfen.
Alternativen zur Ich-Form
Wenn du „ich“ vermeiden möchtest oder musst, bieten sich folgende Formulierungen an: „Die vorliegende Arbeit untersucht…“ (für die Beschreibung deiner eigenen Arbeit), „Die Analyse zeigt…“ (wenn das Ergebnis im Fokus steht) oder „Es lässt sich schließen, dass…“ (für Schlussfolgerungen).
Die Ich-Form ist in vielen Disziplinen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht – besonders bei Argumentation und Interpretation. Informiere dich über die Konventionen deines Fachbereichs.
Vorher/Nachher: Passiv und Aktiv im direkten Vergleich
Die folgenden drei Beispiele illustrieren typische Situationen, in denen der Wechsel von Passiv zu Aktiv die Textqualität verbessert.
„Es wurden 20 Interviews geführt, die anschließend transkribiert und einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen wurden.“
„Ich führte 20 Interviews, transkribierte sie und analysierte sie nach der qualitativen Inhaltsanalyse.“
Die passive Version verschleiert, wer die Forschungshandlungen durchgeführt hat. Aktiv macht transparent, dass du als Forschende*r Entscheidungen getroffen und Verantwortung übernommen hast.
„Es wurde argumentiert, dass die Methode ungeeignet ist.“
„Schmidt (2020) argumentiert, dass die Methode ungeeignet ist.“
Im Passiv bleibt völlig offen, wer hier argumentiert – du selbst? Die Fachliteratur? Aktiv mit konkreter Zuschreibung schafft Klarheit und stärkt die Argumentation.
„Es wurde eine Stichprobe von 30 Personen gezogen. Die Interviews wurden aufgezeichnet und transkribiert. Eine Kodierung wurde durchgeführt. Die Ergebnisse wurden interpretiert.“
„Ich zog eine Stichprobe von 30 Personen, zeichnete die Interviews auf, transkribierte und kodierte sie. Die Analyse ergab folgende Ergebnisse:“
Vier Passiv-Sätze hintereinander wirken statisch und bürokratisch. Der aktive Text variiert die Satzstruktur und transportiert dieselbe Information in weniger Wörtern – ein typischer Effekt, der sich über eine gesamte Arbeit summiert.
Aktiv-Konstruktionen sind im Durchschnitt kürzer, dynamischer und transparenter. Sie zeigen, wer handelt und wer Verantwortung trägt – besonders wichtig bei eigenen Forschungshandlungen.
Checkliste: So entscheidest du dich bewusst für Passiv oder Aktiv
Die Entscheidung zwischen Passiv und Aktiv lässt sich mit wenigen Leitfragen systematisieren. Bevor du einen Satz formulierst, prüfe: Geht es um eine eigene Forschungshandlung? Dann nutze Aktiv. Ist die Handlung wichtiger als die handelnde Person? Dann ist Passiv angemessen. Argumentierst oder interpretierst du? Dann wähle Aktiv. Verlangt dein Fachbereich explizit Passiv? Dann halte dich daran – aber variiere trotzdem.
Eigene Forschungshandlungen im Aktiv formuliert?
Bei Argumentation und Interpretation Aktiv verwendet?
Passiv nur dort eingesetzt, wo die Handlung im Vordergrund steht?
Nicht ausschließlich eine Form verwendet – bewusst variiert?
Konvention des Fachbereichs geprüft (Betreuer*in fragen)?
Konsistent bei einer Perspektive geblieben (nicht zwischen „ich“, „die Autorin“ und Passiv gewechselt)?
Text laut vorgelesen und Stolperstellen identifiziert?
Im Überarbeitungsdurchgang empfiehlt sich die gezielte Suche nach „wurde“, „wurden“ und „worden“ in der Suchfunktion deines Textprogramms. Jeder Treffer bietet die Gelegenheit zu prüfen, ob Passiv an dieser Stelle wirklich die beste Wahl ist oder ob Aktiv den Satz klarer und kürzer machen würde.
Häufige Fehler bei Passiv und Aktiv
Ein gesamter Text im Passiv wirkt monoton und bürokratisch. Baue mindestens 30–40% Aktivsätze ein, um Dynamik und Abwechslung zu erzeugen.
„Man kann feststellen, dass…“ wirkt ausweichend und unklar. Besser: „Die Daten zeigen, dass…“ oder – wenn dein Fachbereich es erlaubt – „Ich stelle fest, dass…“
Wer in einem Abschnitt „ich“ schreibt, im nächsten „die Autorin“ und dann wieder Passiv verwendet, erzeugt Inkonsistenz. Entscheide dich für eine Form und ziehe sie durch.
Fazit: Bewusst wählen statt automatisch vermeiden
Die Entscheidung zwischen Passiv und Aktiv ist keine Entweder-oder-Frage, sondern eine Frage des bewussten Einsatzes:
• Aktiv macht Texte klarer, kürzer und dynamischer – es zeigt, wer handelt und Verantwortung trägt.
• Passiv hat seinen Platz, wenn die Handlung wichtiger ist als die Handelnden oder Konventionen es verlangen.
• Die Ich-Form ist in vielen Disziplinen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht – besonders bei Argumentation und Interpretation.
Der wichtigste Rat: Erkundige dich über die Konventionen deines Fachbereichs und setze dann Aktiv und Passiv gezielt ein. Ein guter wissenschaftlicher Text variiert zwischen beiden Formen – je nachdem, was die Klarheit und Nachvollziehbarkeit am besten unterstützt.
Trau dich, aktiv zu schreiben. Deine Texte werden dadurch nicht weniger wissenschaftlich – sondern verständlicher.
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